PD Dr. phil. habil. Dittmar Schorkowitz bespricht Hoffmann, Peter: Gerhard Friedrich Müller(1705–1783). Historiker, Geograph, Archivar im Dienste Rußlands

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PD Dr. phil. habil. Dittmar Schorkowitz über Hoffmann, Peter: Gerhard Friedrich Müller (1705–1783). Historiker, Geograph, Archivar im Dienste Rußlands

Kann man nach einem langen akademischen Forscherleben noch einmal auf die Strecke des eigenen Schaffens zurückblicken und diese Rückschau als ausgewiesener Kenner der deutsch-russischen Wissenschaftsbeziehungen auch monographisch verarbeiten, darf man mit dem Geleisteten gewiß zufrieden sein. Und so wendet sich Peter Hoffman, ein gründlicher Arbeiter und ganz Kind seiner Zeit (*1924), mit der hier vorgelegten Biographie zu Gerhard Friedrich Müller auch den eigenen wissenschaftlichen Anfängen zu, die 1959 mit einer noch von Eduard Winter (1) betreuten Dissertation an der Humboldt-Universität zu Berlin begonnen hatten. Der Verfasser gehört damit jener renommierten Schule (Conrad Grau, Folkwart Wendland, Gerd Voigt u. a.) an, die sich der Erforschung der deutsch-russischen Wissenschaftsbe-ziehungen vor allem des 18. Jahrhunderts verpflichtet fühlte. Seither hat Hoffmann sich die perzeptions- und wissenschaftsgeschichtlichen Wechselwirkungen jener glanzvollen Epoche der europäischen Aufklärung zum Thema gemacht, wie seine Arbeiten u. a. zu A. F. Büsching, L. Euler, P. S. Pallas, A. N. Radiščev und eben G. F. Müller zeigen.

Peter Hoffmanns Müller-Biographie umfaßt jedoch mehr als nur das überarbeitete Material eines ungedruckt gebliebenen Promotionsskriptes. Sie ist das Langzeitergebnis nie nachlassenden Sammlerfleißes und Interesses an einmal für wichtig erachteten Gegenständen und umfaßt damit sowohl eigene Nachforschungen in rußländischen Archiven als auch die Einarbeitung des neueren Forschungsstandes, der gerade mit Bezug auf Müller im vergangenen Jahrzehnt in Rußland (A. Ėlert, S. Ilizarov, A. B. Kamenskij) wie in Deutschland (G. Bucher, B. Scholz) geradezu erstaunliche Ertragszuwächse erleben durfte. Dieser wissenschaftsgeschichtlichen tour d‘horizon kamen die langjährigen Arbeitskontakte des Verfassers zu Gute – gewiß auch das Ergebnis einer sehr fruchtbaren Zusammenarbeit zwischen den Instituten der Akademien in Ost-Berlin, Leningrad und Moskau.

Selbst für Kollegen vom Fach, die Gerhard Friedrich Müller, geboren am 18. Oktober 1705 in Herford, als den ‚Vater der Geschichtsschreibung und Ethnographie‘ in Rußland mnemotechnisch gespeichert haben und sich an geschichtspolitische Implikationen seiner Auseinandersetzung mit Michail Lomonosov in der Normannenfrage (S. 188–201) erinnern, dürfte von Interesse sein, mehr über die Vielseitigkeit dieses Wissenschaftlers zu erfahren, die ihn in den Rang des für seine Zeit verbreiteten Typs von Universalgelehrten hebt. Denn Müllers Tätigkeit ging über die Verpflichtungen eines ‚Reichshistoriographen‘, der er von Amts wegen nun einmal war, in der Tat weit hinaus.

Gerhard Friedrich Müller wächst in behüteten Verhältnissen einer gut bürgerlichen Familie – der Vater ist städtischer Gymnasialrektor, seine Mutter die Tochter eines Theologieprofessors – auf, beginnt 1722 ein Studium der Geschichte und Staatswissenschaften in Rinteln, das er 1724 in Leipzig u. a. beim kurfürstlich-sächsischen Hofhistoriographen Johann Burckhard Mencke fortsetzt. Es ist Mencke, der Zar Peter dem Großen damals in gleicher Weise Vorschläge zur Berufung geisteswissenschaftlicher Kräfte für die in Gründung befindliche Akademie der Wissenschaften im Russischen Reich machen sollte, wie es Christian Wolff für die naturwissenschaftliche Seite tat. Einer Empfehlung des Mencke-Schülers Johann Peter Kohl folgend, der im Sommer 1725 an die Akademie als Professor für Kirchengeschichte berufen worden war, gelangt Müller im Winter des Jahres als sein Adjunkt an die Petersburger Akademie, die zu dieser Zeit als Drehscheibe der „wissenschaftlichen Verbindungen Rußlands mit Mittel- und Westeuropa“ (S. 44) ausgebaut wird.

Zunächst als akademischer Gymnasiallehrer, dann als Archivar und Bibliothekar, als Redakteur und Kanzleileiter arbeitete sich Müller schrittweise in die Hierarchie des Wissenschaftsbetriebes ein, übernimmt zunehmend organisatorische Aufgaben, die ihn in den Augen des Akademiepräsidenten Laurentius Blumentrost qualifizieren, so daß er im Oktober 1730 zum Professor für Geschichte ernannt wird. Es folgen weitere wissenschaftsorganisatorische Aufgaben, verbunden mit Reisen in die Hauptstädte westeuropäischer Länder, bis Müller sich 1732 intensiv mit der Geschichte Rußlands zu beschäftigen beginnt, die Landessprache erlernt und ein Jahr später an der von ihm selbst mit vorbereiteten Großen Nordischen Expedition (1733–1743) (2) teilnimmt.

Bis heute ist Müllers Teilnahme an diesem großartigen Wissenschaftsunternehmen der europäischen Frühaufklärung maßgeblich durch seine ethnographisch-historiographischen Verdienste in Erinnerung geblieben, die er sich mit dem Durchforsten von Archiven der noch jungen Städte Südsibiriens erworben hat. Tobol‘sk war 1587, Tomsk 1604 und Jakutsk sogar erst 1632 gegründet worden – um nur diese Beispiele zu nennen. Weil nun Müller die Amtskanzleien der Regionalverwaltungen, Klöster und Bischofssitze systematisch aufsuchte und Schriftauszüge aus Dokumenten, Verträgen und landeskundlichen Aufzeichnungen für seine schon von Tatiščev gerühmte Geschichte Sibiriens (3) anfertigen ließ, hat sich ein Bild aus der Pionierzeit dieser rußländischen Verwaltungsperipherie für die Nachwelt erhalten, obschon die ursprünglichen Akten durch Brand und durch die Wirren der Zeit großenteils längst verloren gegangen sind.

Daß ihm die „sibirische Expedition ... zur eigentlichen Universität“ (S. 94) geworden war, wie Peter Hoffmann treffend feststellt, wird durch eine Vielzahl hochstehender Veröffentlichungen unterstrichen, die Müller im Anschluß an seine zehnjährige Forschung vorlegt. Die Akademie aber gerät unter der Regierung von Zarin Elisabeth Petrovna in eine kritische Lage. Finanzielle Engpässe und nationalpatriotische Empfindsamkeiten, organisatorische Mängel und Fraktionsbildungen engen die Arbeits- und Karrieremöglichkeiten hier zunehmend ein. Ein wachsendes Mißtrauen gegenüber ausländischen Akademiemitgliedern, das sich in Zensur, Hausarrest und Hausdurchsuchungen niederschlug, kam hinzu.

Es spricht daher für seinen energischen Einsatz im Dienste der Akademie, daß Müller trotz der widrigen Umstände im November 1747 zum Rektor der Akademischen Universität ernannt wird. Für ein Salär von 1000 Rubeln muß er sich allerdings auf Lebenszeit dienstverpflichten und die rußländische Staatsbürgerschaft annehmen. Auch steht sein Dienstantritt unter keinem günstigen Stern. Denn für September 1749 bereitet er einen Festvortrag zu den ‚Ursprüngen der Stämme und Namen der Russen‘ vor, der schon im Vorfeld der Begutachtung durch Lomonosov heftige Reaktionen hervorruft. In der Bewertung dieser Vorgänge legt Hoffmann nun nahe, daß Müller selbst nur das Material der Quellen detailliert und umständlich zusammengetragen habe, während Lomonosov es war, der hierzu einen theoretischen Zusammenhang erst herstellte – ein „Konstrukt, das als Müllersche Normannentheorie in die Geschichte eingegangen ist“ (S. 108). Die von Lomonosov ‚inszenierte Diskussion‘ jedenfalls führt die Quelleninterpretation auf ein politisches Gleis und macht Müller sehr zu schaffen. Durch den öffentlich geführten Disput beschädigt, wird er als Rektor durch Stepan Petrovič Krašeninnikov 1750 abgelöst und verstrickt sich in weitere Rückzugsgefechte.

Die Zeit der Ungnade endet für Müller 1754 mit der Berufung zum Ständigen Sekretär der Akademie, in dessen Eigenschaft er ein Jahrzehnt lang für die Belange der Akademischen Konferenz verantwortlich ist und – unbehelligt von den Querelen der Verwaltungsorganisation – mehr Einfluß auf die wissenschaftlichen Belange nehmen kann. Insbesondere fördert er die Anwerbung ausländischer Wissenschaftler an die rufgeschädigte Akademie, wobei ihm seine Kontakte u. a. zu den Universitäten in Leipzig und Göttingen zu Gute kommen. August Ludwig Schlözer ist hier zu erwähnen, der sich in besonderem Maße um die Geschichtsschreibung Rußlands (4) verdient gemacht hat. Darüber hinaus sorgt sich Müller um Berufungen deutscher Gelehrter an die 1755 gegründete Moskauer Universität, an der er zwei Jahre später selbst zum Professor ernannt wird.

Eine entscheidende Verbesserung seiner Position ergibt sich dann mit Regierungsantritt Katherinas der Großen, die ihn im Oktober 1764 gnädig empfängt und ihm mit Ukas vom Januar 1765 nicht nur die Leitung des unlängst gegründeten Findelhauses in Moskau überträgt, sondern ihn aus der intrigebelasteten Akademietätigkeit befreit. Obschon sich seine Tätigkeit damit in den pädagogischen Bereich verlagert, bleibt Müller weiterhin Mitglied der Akademie und erlangt mit seiner Ernennung zum Kollegienrat die Erhebung in den erblichen Adelsstand (S. 148). Seine Hoffnung indes, die Forschungsarbeit an der Geschichte Rußlands in Moskau weiterführen zu können, erfüllt sich nicht. Im Gegenteil, die Lücke, die der Weggang dieses energischen und disziplinierten Arbeiters reißt, kann auch von Jakob Stählin nicht ausgefüllt werden, der die Nachfolge Müllers bei der Akademie der Wissenschaften antritt. Selbst das Erscheinen der Monatlichen Sammlungen (Ežemesjačnye Soinenija) muß eingestellt werden. Doch hat Müller den Weggang aus St. Petersburg dank der wieder gewonnenen Freiheiten wohl nie bereut. Hinzu kommt, daß er nach längerem Antichambrieren auf Weisung der Zarin im März 1766 zum Leiter des Archivs beim Kollegium der Auswärtigen Angelegenheiten ernannt wird – eine Tätigkeit, die ihn, wie erhofft, dem Kreis der Gelehrten wieder näherbringt und mit einer Fülle von Editionsarbeiten verbunden ist. Das Gros dieses Schaffens fällt in die 70er Jahre und ist verbunden mit der Herausgabe bekannter Werke etwa von Tatiščevs Russischer Geschichte, des Stufenbuchs (Stepennaja kniga), des Sudebnik von 1550 sowie diverser Wörterbücher (Hölterhof, Polunin) und Briefwechsel. Gerhard Friedrich Müller verstirbt – dank kaiserlicher Protektion nicht unbegütert und hochgeehrt – am Morgen des 11. Oktobers 1783 (alten Stils) in seinem Moskauer Haus, nachdem ihn drei Schlaganfälle in den Jahren 1772/73 nicht seiner Schaffenskraft hatten berauben können.

Peter Hoffmanns bio-bibliographische Müller-Studie ist klar gegliedert. Nach einer den Literatur- und Forschungsstand reflektierenden Einleitung folgt der biographische Teil und an-schließend eine umfangreiche Werkbesprechung, die häufig in die Form einer Verteidigungsschrift abgleitet. Eine Straffung des langfädigen Schreibstils und die Vermeidung gedanklicher Redundanz hätte der Darstellung sicherlich mehr Glanz verliehen. Vieles hätte in den Fußnotenapparat aufgenommen gehört, der bekanntlich ja nicht nur dem Belegstellennachweis dient. Und einiges wäre besser der Lektoratsschere zum Opfer gefallen. So aber kann man sich nicht des Eindrucks erwehren, daß alle Notizen des Hoffmannschen Zettelkasten auf Biegen und Brechen eingetextet werden wollten. Soviel Aufwand hätte man sich sparen können und beispielsweise besser für das inhaltliche Durchdringen der Normannenfrage verwandt. So aber bleibt der Diskurs über diesen in der Tat bedeutsamen wissenschaftsgeschichtlichen Topos seltsam unberührt von der aktuellen Diskussion des eigentlichen Forschungsstandes, den historische Sprachwissenschaft und Archäologie zwischenzeitlich angereichert haben.

Auch kann das Werk eine gewisse Lust am cliometrischen Erbsenzählen und an bisweilen oberlehrerhafter Besserwisserei nicht verhehlen. Dabei ist es selbst keineswegs frei von Fehlern. So ist Pëtr Pekarskij in den Fußnoten der Seiten 91–93, 106–107, 174, 177 das „s“ (Pekarkij) einfach abhanden gekommen und warum man den Ständigen Sekretär hartnäckig in seiner russifizierten Form (Sekretar) schreiben muß, ist nicht einsichtig. Wenn auch die russischen Titel und Einschübe einer solchen Fachpublikation vielleicht einer Übertragung ins Deutsche nicht bedürfen, worüber sich streiten ließe, so wäre eine Übersetzung der lateinischen Zitate und Titel doch allemal leserfreundlicher gewesen. Dies jedoch sind eher Nebensächlichkeiten. Eine kurze Chronik, eine Bibliographie der Schriften von und über Müller sowie ein ausführliches Namensregister, das allerdings Schwächen in der Wahrnehmung westeuropäischer Fachliteratur erkennen läßt und in Anbetracht der geographischen Bezüge besser um ein Ortsregister (!) ergänzt worden wäre, runden die insgesamt interessante Darstellung ab.

Endnoten

(1) Gerhard Friedrich Müller – Die Bedeutung seiner geographischen Arbeiten für das Rußlandbild des 18. Jahrhunderts. Eine ergänzte, überarbeitete „und zugleich stark verkürzte Zusammenfassung“ dieser Schrift bietet Hoffmann hier nun unter dem Titel „Diskussion um geographische Fragen“ (S. 226–246).

(2) Auch bekannt unter den Bezeichnungen ‚Sibirienexpedition‘, ‚Zweite Bering-Expedition‘ oder ‚Zweite Kamčatka-Expedition‘. Die ‚Erste Kamčatka-Expedition‘ (1725–1730) unterstand der Leitung von Vitus Bering.

(3) Auf Deutsch 1761 erschienen als 6. Band seiner Sammlung Russischer Geschichte (St. Peterburg, 1732–1764).

(4) Schlözer, August Ludwig: Nestor. Russische Annalen in ihrer Slavonischen Grundsprache: verglichen, von Schreibfehlern und Interpolationen möglichst gereinigt, erklärt und übersetzt. Bd. 1–5. Göttingen 1802–1809.

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