Annegret Gaidies: „Der Augenblick der Liebe“
Diese Geschichte wurde zum Aufruf eingesandt.

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Annegret Gaidies

„Der Augenblick der Liebe“

Martin Walser beschreibt in seinem gerade erschienenen Roman diesen Moment als ein blitzartiges Ineinanderfallen zweier Menschen, die Sehnsucht nacheinander haben und ihn zum Zeitpunkt der Erfüllung auch schon wieder schwinden sehen.

In meiner Geschichte hat er eine völlig andere Bedeutung, die diesem Blickwinkel ganz und gar nicht ähnelt, sondern ein viel tieferes, beständig gewachsenes und ganz und gar nicht flüchtiges Moment zweier Menschen widerspiegelt – dennoch nur durch einen Augenblick dokumentiert ist, den ich beobachten durfte und der mir unvergessen bleiben wird.

Solange ich berufstätig bin, eröffnet mir der Samstag auf schönste Weise den Einstieg in zwei Tage Arbeitspause. Längeres Schlafen, ein ausgedehntes Erwachen, ein blinzelnder Blick durch den Türspalt zwecks Ortens der Tageszeitung, ein ausgiebiges Frühstück und dabei alles Aktuelle verschlingen, was Presse und Rundfunk hergeben, das sind die Rituale, die allwöchentlich wiederkehren. Auf diese Weise gestärkt und mit einem Einkaufszettel gewappnet, führt mich mein Weg über einen kleinen Abschnitt der Promenade an mein angestrebtes Ziel, den Wochenmarkt auf dem Domplatz.

Auf herrlichste Weise spiegeln sich die Jahreszeiten im Angebot der Verkaufsstände wieder. Ich erlebe bewusst die Früchte der jeweiligen Saison; je nach Schlendern durch die diversen Reihen zieht ein würziger Rauch von Schinken und Mettwürsten durch meine Nase, und die Bäckerstände duften verführerisch nach frischen Waffeln. Streife ich die mediterrane Ecke, gibt es Schafskäse und knoblauchgeschwängerte Oliven als schwere Wolke gratis, und begebe ich mich an die Blumenstände, saugt das Auge alle Farben des Sommers oder Herbstes in einem Rausch auf.

Meine Einkaufstaschen waren prall gefüllt, und der Heimweg führte mich wieder über den kurzen Abschnitt Promenade, der an diesem Mittag in klarem von Baumschatten durchbrochenem Sonnenlicht lag. Die vielen Gehölze entlang der Teiche spendeten Kühle und waren zu Spaziergängen der ideale Begleiter für ein langsames Flanieren.

In einiger Entfernung sah ich einen Mann und eine Frau, wie sie sich von einer dieser Sitzgelegenheiten langsam erhoben. Sie hatten beide wohl eine Pause in ihren Spaziergang eingeflochten, um den ganzen zurückzulegenden Weg mit einem kurzen Verschnaufen zu unterbrechen. Der Mann vermochte ohne Hilfe, dennoch mit langsamer Geste, den Stand auf seine zwei Beine auszuführen. Die Frau benötigte geraume Zeit mehr und dazu noch die behutsame Unterstützung des Mannes an ihrer Seite. Als die beiden standen, schauten sie sich freundlich einen Augenblick in die Augen, ganz so, als ob der dann gemeinsam getane Atemzug das Startzeichen für die nun folgenden Schritte sein sollte. Mit einer ausladenden, freundlichen Armbewegung platzierte der Mann die Frau fest an seine Seite, hakte den Arm unter ihren und sie begannen im Gleichschritt ihren Spaziergang gemächlich fortzusetzen.

Wie alt mochten sie sein, frage ich mich. Ich hatte sie kurz und auf Entfernung von der Seite gesehen, nun sah ich ihre Rücken, die Gesichter blieben mir verborgen. Sie hatten ohne Zweifel das letzte Drittel ihres Lebens erreicht. Das weiße Haar der Frau, das unter ihrem leichten Sommerhut hervorlugte, und die grauen Schläfen des Mannes, die beim gelegentlichen Wenden zur Seite sichtbar wurden, verrieten ein Alter, das schon Enkel, wenn nicht gar Urenkel kannte.

Nach geraumer Zeit löste er seinen Arm und fasste seine Frau an die Hand. Ich beobachtete, wie gern die eine Hand die andere ergriff. Es lag keine zögerliche Geste in diesem Ablauf, und die beiden Hände hatten mit sicherer Bewegung ihre gegenseitige Entsprechung gefunden. Ich dachte an dieses wunderbare Geicht von Bertold Brecht, in dem ein Kranichpaar zur Metapher Liebender wird, und das mit der Zeile endet „... so scheint die Liebe Liebenden ein Halt“.

All dies beobachtete ich noch immer aus einiger Entfernung, als mit jähem Einsatz ein unendlich lautes, anhaltend dröhnendes, alarmierendes Geräusch die ganze Luft und Atmosphäre erfüllte. Ich schreckte auf und sah, dass die beiden Alten völlig orientierungslos zusammenzuckten, sich schlagartig ansahen und ein furchtbarer Schrecken auf ihrem Gesicht lag. Ihre zuvor friedlichen Gesichter trugen Angst und große Furcht. Sie bewegten sich ruckartig nach rechts und links, ihre Köpfe irrten nach oben und zu den Seiten, sie rangen beide um Fassung und konnten sich nicht beruhigen. Nach endlos scheinender Zeit, die in Wirklichkeit den Zeitraum von vielleicht 10–15 Sekunden ausmachte, nahmen sich die beiden – hilflos den anderen betastend – an die Hände, zogen ihre Körper zueinander und klammerten sich mit verzweifelter Geste einer am anderen fest. Arme, Hände und Kopf pressten sich eng an den anderen Körper und wollten nicht loslassen. Die beiden standen mit solch einer unerschütterlichen Macht an ihrem Platz, dass nichts auf der ganzen Welt sie hätte auseinanderreißen können. Sie waren miteinander verschmolzen im Wissen, dass nur sie sich gegenseitig Zuflucht und Rettung oder gemeinsamer Untergang sein konnten. Es ging eine unendliche Kraft von diesem Bild aus. Es war ein Augenblick großer Liebe.

Ich sah, wie der Mann als erster seine Besinnung zurückerlangte und mit geneigtem Kopf Worte in das Ohr seiner Frau sprach. Er hatte sich ganz langsam aus seiner klammernden Starre gelöst, die Situation erfasst und versuchte nun tröstend seine Frau zu beruhigen.

Auch ich hatte das dröhnende, mal dunkel und mal hell surrende, markerschütternd penetrante Geräusch erkannt und mich schnell an die morgendliche Ankündigung in der Zeitung erinnert. An Schulen und öffentlichen Gebäuden wurde zu angekündigter Zeit ein Probealarm durchgeführt. Hatte man diese Meldung nicht gelesen, bedurfte es in der Tat einer Zeit des Erforschens und Zuordnens, um zu wissen, dass dies der schlichten technischen Kontrolle und Sicherung auszuführender Signale für den Notfall diente.

Die beiden alten Menschen hatten diese Unterscheidung nicht nachvollziehen können, weil sie mit einem Schlag das „Gedächtnis des Krieges“ wieder eingeholt hatte. Was sie über sechs Jahre oft Nacht für Nacht aus dem Schlaf geholt hatte, was in der Mitte ihres Lebens für eine viel zu lange Zeit die Angst vor dem möglichen Verlust ihrer Leben angekündigt hatte, stand mit einem Mal wieder vor ihnen und rief die ganzen Schrecken dieser unvorstellbaren Zeit zurück in die Gegenwart.

Die Frau schluchzte, der Alte fingerte mit zunehmend sicherer Gestik ein Taschentuch aus seiner Hose und tupfte mit aller Zärtlichkeit die nassen Wangen der sich langsam beruhigenden Frau ab. Er steckte das Taschentuch zurück, legte dann seine beiden Hände an ihre Wangen und küsste mit einer unendlichen Behutsamkeit die Augen dieser Frau. Dann strich er ihr mit dem Handrücken über die Schläfe, nahm sie wieder bei der Hand und setzte mit ganz langsamen Schritten, seine Begleiterin von der Seite aufmerksam beobachtend, den Weg fort.

Die beiden hatten nach dem Krieg, nach Jahren der Angst um den Verlust des geliebten Menschen, wohl wieder zueinandergefunden. Vielleicht musste aber auch der Mann als Soldat noch Monate oder Jahre in Kriegsgefangenschaft verbringen und war ein Spätheimkehrer. Dieses Schicksal, das durchaus noch andere Rückschlüsse zuließ, blieb mir verschlossen. In jedem Fall aber hatte die Zeit bis zum heutigen Tag die beiden gelehrt, dass die Liebe das einzige Bollwerk gegen alles Schlechte in der Welt ist.

Mir haben sie es in diesem „Augenblick der Liebe“ auf eindringliche Weise gezeigt.





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