Alfons Huckebrink: Wie Thomas Bitterschulte sich von seinem Daseinszweck verabschiedete. Bitterschultes Kindheit und Jugend als Arbeitersohn in der katholisch geprägten Textilarbeiterstadt Emslake. Leseprobe

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Alfons Huckebrink

Wie Thomas Bitterschulte sich von seinem Daseinszweck verabschiedete

Leseprobe

Es war einmal ein Onkel. Es war mein Onkel. Mein Onkel Bruno. Onkel Bruno war Einzelhändler. Das war nicht weiter schlimm vor dem Siegeszug der großen Supermärkte. Lebensmittel nebst Dingen des täglichen Bedarfs. Toilettenpapier, Schuhcreme, Schreibhefte. Ein wohnzimmergroßer, bis unter die Decke voll gepfropfter Laden mit 1A-Kundenstamm. Damit konnte man rechnen damals. Der einzige Kummer meiner Tante Jutta lag somit nicht im kommerziellen Bereich begründet. Sie grämte sich um den winzigen Sprachfehler meines Onkels. Auch der war an sich noch nicht weiter schlimm, aber in seiner Stellung doch von einer gewissen Brisanz. Statt „Kunde“ sagte er nämlich „Kurde“. Damit Sie mich gleich richtig verstehen: Er tauschte nicht etwa generell ein „n“ gegen ein „r“ aus. Wie man es etwa den Chinesen mit „r“ und „l“ nachsagt. Ich betone „nachsagt“, denn ich persönlich habe noch keines Chinesen Deutsch hören dürfen.

Onkel Brunos sprachliche Auffälligkeit bezog sich nur auf dieses eine Wort. Für „Kunde“ sagte er „Kurde“. Aber das in allen Komposita und syntaktischen Zusammenhängen. Also etwa „Kurdenstamm“ oder „Kurdenzeitschrift“. Sie wissen jetzt schon, was jeweils eigentlich gemeint war und können beim Lesen vielleicht darüber schmunzeln. Aber damals in seinem Laden ließen solche Ausrutscher natürlich aufhorchen. Stellen Sie sich die folgende Situation vor: Mein Onkel Bruno, wohlbeleibt, in fleckigem Kittel hinter der Käsevitrine, geht zuvorkommend auf die Eigenart einer Stammkundin ein. Sie verlangt zwischen jede Emmentalerscheibe einen Pergamentstreifen gelegt, damit sie zu Hause wieder anstandslos trennen kann. Kein Problem, sagt mein Onkel und unterstreicht seine Beflissenheit mit dem Kommentar „Der Kurde ist König“.

Das war dummerweise sein Lieblingsspruch.

Befand sich nur eine Kundin im Laden, konnte die natürlich so tun, als hätte sie nichts bemerkt, oder sie mochte auch wirklich glauben, sich verhört zu haben. Oft hört man ja das, was man hören will. Aber dies war natürlich die Ausnahme. Ich erwähnte schon, dass der Laden damals recht gut lief. Waren also mehrere Kundinnen anwesend, rief eine „König Kurde“-Bemerkung meines Onkels ein unangebrachtes Schweigen hervor, Blicke wurden augenzwinkernd hin- und hergewechselt. Schulterzucken. Manchmal stand eine Kundin kurz davor, laut loszuprusten und musste schnell hinausgehen. Aber meines Wissens hat ihn niemals eine auf den Versprecher hingewiesen. Beispielsweise mit den Worten: Entschuldigen Sie! Aber es heißt doch wohl „König Kunde“. Denn so langsam hatte sich herumgesprochen, dass die Versprecher meines Onkels Bruno nicht zufälliger Natur waren, sondern einen veritablen Defekt darstellten. Eigentlich ganz amüsant. Andere Leute sind schlimmer dran. Sie stottern oder haben eine nasse Aussprache. Mein Onkel selbst störte sich nicht groß an der Wortverdrehung. Er hatte Sinn für Humor und ließ sich nicht leicht aus der Ruhe bringen. Es ist anzunehmen, dass er seine Fehler im Moment der Aussprache selbst nicht bemerkt hat und erst durch die Reaktion der Kundinnen darauf aufmerksam gemacht wurde. Leutselig wie er war, hat er sich wohl insgeheim darüber gefreut, dass die Leute ihren Spaß hatten, und hätte seine Marotte als „Kurdenbetreuung“ eingeordnet. Mag sein, dass er damit auch ein wenig zur Umsatzsteigerung beigetragen hat.

Ganz anders meine resolute Tante Jutta, die Seele des Geschäfts. Sie hielt den Laden zusammen und daneben auf gesellschaftliche Reputation. Das waren ihre ureigenen Worte. Bei Familientreffen kehrte sie die Geschäftsfrau hervor und sprach von ihrem Kramladen – die Namensgebung eines großen Textilkaufhauses kopierend – nur als von Be und Jott. In ihrer Position war ihr der kleine Sprachfehler meines Onkels hochgradig peinlich. Sie wurde fuchsteufelswild, wenn sie mitbekam, wie sich manchmal selbst Kinder und Jugendliche aus der nahe gelegenen Schule verstohlen darüber amüsierten. Andererseits durfte sie aus Geschäftsinteresse ihre Wut nicht offen zeigen und verdrückte sich mit hochrotem Kopf in den kleinen Nebenraum, der als Lager genutzt wurde. Immer eindringlicher lag sie meinem Onkel in den Ohren, etwas gegen seine „Sprachanomalie“ zu unternehmen. Das gewichtige Wort hatte sie bei einem Arztbesuch aufgeschnappt.

Seltsam war indessen, dass sich der Defekt meines Onkels eben nur auf dieses eine Wort bezog. Auch umgekehrt trat er nicht auf, dass er statt „Kurde“ also „Kunde“ sagte. Etwa: Kundenaufstand in der Türkei. So bestimmt kann ich das aber auch nicht behaupten, denn genau genommen wird mein Onkel das Wort „Kunde“ – also eigentlich „Kurde“ – kaum einmal verwendet haben. Für mich selbst stellte über lange Jahre der Besitz des Karl-May-Bandes „Durchs wilde Kurdistan“ den einzigen Bezug zu diesem abenteuerlichen Land dar. Und auch heute noch sehe ich wohl viele Kurden im Fernsehen, wenn sie gegen die Unterdrückung in der Türkei demonstrieren oder sich vor hiesigen Gerichten verantworten müssen, aber im wirklichen Leben gehen seine Bewohner bei uns doch meist als Türken durch. Und als Kunden sind die einen wie die anderen gerne gesehen.

Keine Probleme hatte mein Onkel auch mit der Aussprache lautverwandter Wörter. „Kurve“ etwa ging ihm anstandslos über die Lippen. Oder einwandfrei: „Kurt Kunze“. So hieß sein Getränkelieferant. Keine Probleme. Mein Onkel wunderte sich selbst darüber. „Kurt Kunze ist kurz angebunden“, murmelte er erstaunt vor sich hin, wenn der ihm ein paar Kisten Bier und Sprudel kommentarlos vor die Ladentür gesetzt hatte. Aber so gutwillig Onkel Bruno auch abends im Bett die selbst kreierten Übungsbeispiele meiner verzweifelten Tante nachsprach – „Frau Schulte ist eine treue Kundin von Be und Jott“, – es hörte sich doch stets nur wie „... eine treue Kurdin“ an. Als nächstes verfiel meine Tante Jutta darauf, das Problem durch seine Umgehung zu entschärfen. Sie legte ihm nahe, das „n“ einfach wegzulassen. Statt „Kunde“ jetzt „Kude“ zu sagen und darauf zu setzen, die Kurdinnen, pardon Kundinnen, würden ein gestrichenes „n“ nicht bemerken bzw. sein Fehlen einer undeutlichen Aussprache, einem in unserer Gegend nicht unüblichen Nuscheln zugute halten.

Mein Onkel sträubte sich zunächst. Als sie ihn soweit hatte, versteckte sie sich hinter dem Plastikvorhang zum Lager. Das Experiment ließ sich ganz gut an. Frühmorgens war Frau Mussenbrock die erste. Sie kam um Trinkpäckchen und ein Achtel Schinkenspeck. Für den Schulausflug ihrer Zwillinge. Onkel Bruno legte zwei Lakritzschnecken gratis dazu und schuf so die Gelegenheit für seinen Standardspruch. Nur sagte er diesmal weisungsgemäß „Der Kude ist König.“ Ein Augenblick der Stille. Meine Tante hielt hinter dem Vorhang die Luft an. Onkel Bruno lächelte Frau Mussenbrock erwartungsvoll an. Die verzog keine Miene, steckte nach kurzem Zögern das Wechselgeld ein und wünschte unbefangen einen guten Tag. Als wäre nichts gewesen. Nicht schlecht für den Anfang. Tante Jutta jedenfalls war mit dem Ergebnis dieses ersten Versuchs hochzufrieden und überredete meinen Onkel dazu, wenigstens einen Tag lang durchzuhalten.

Als die beiden am Abend Bilanz zogen, weigerte sich mein Onkel kategorisch, den „Unfug“ weiterhin mitzumachen. Er selbst bezeichnete den Einfall meiner Tante als Unfug, was an und für sich schon unerhört war. Tante Jutta verteidigte ihr Experiment. Nicht einmal sei eine verfängliche Situation aufgetreten oder habe ein Kunde seine Heiterkeit unterdrücken müssen. Onkel Bruno blieb diesmal standhaft. Ihm selbst sei es zunehmend peinlich gewesen und er lasse sich nicht zum Narren machen. Zudem sei die Gefahr von Missverständnissen außerordentlich groß. Und er sprach laut: Kude – Lude. Wie klingt das? Leicht zu verwechseln. Oder? Kude – Lude. Und er wiederholte eindringlich. Und der Plural mit „Kuh-dung“. Also „Kuden – Kuhdung“. „Kude – Lude; Kuden – Kuhdung“. Und er skandierte so lange, wurde immer aufgeregter, bis meine Tante ihm Recht geben musste. Und das letzte Wort, was in der ganzen Angelegenheit überhaupt noch jemals geäußert werden sollte, war ein entrüstetes „Kude – Lude; Kuden – Kuhdung“ meines Onkels vor dem Einschlafen.

Am nächsten Tag amüsierten sich die Kunden wieder über die sprachliche Besonderheit meines Onkels. Oder auch nicht. Je nach Gemüt. Statt „Kunde“ sagte Onkel Bruno wieder „Kurde“. Für Onkel und Tante blieb das Thema jedoch lange Jahre tabu.

Es kam die Zeit, da die modernen SB-Ketten den Tante-Jutta-und-Onkel-Bruno-Betrieben im Land die Luft abschnürten. Als die beiden ihr Geschäft schließen mussten, fand Onkel Bruno Arbeit im Kundendienst eines Elektro-Großhandels. Er machte den Handlanger für einen Gesellen. Bei Kurzschlüssen oder anderen Störungen starteten die beiden in einem betagten Opel Blitz mit der Aufschrift „Elektro-Döring – denn Kunden lieben’s nicht zu warten!“ zum Einsatzort.

Fast zeitgleich mit Antritt seiner neuen Stellung verflüchtigte sich sein Sprachfehler. Tante Jutta registrierte es als erste und zürnte ihm, da sie ihm nun für ihre früheren gemeinsamen Anstrengungen mangelnden Willen unterstellte. Ich freute mich vor allem für meinen Cousin Dieter. Zumindest schien der Sprachfehler nicht angeboren zu sein. Und also auch wohl nicht vererbbar. Dachte ich lange.

Als Cousin Dieter die Realschule und ich das Gymnasium besuchte, gingen wir gewöhnlich ein Stück vom Schulweg zusammen. Einmal fragte ich ihn nach seinem Lieblingsfach. Er brauchte nicht lange zu überlegen: Sozialkurde, sagte er. Auf die Gegenfrage nach meinem sagte ich: Erdkurde. Und ergänzte lakonisch und ungefragt: Spezialgebiet Kundistan.

Am selben Nachmittag traf ich meinen Onkel in der Stadt. Er hockte neben dem grauen Firmenwagen, unter dem die langen Beine des Gesellen hervorschauten. Als ich meinen Onkel ansprach, richtete er sich auf und zog eine traurige Grimasse.

Die Kundenwelle ..., sagte er. Nix zu machen. Der Kurbeldienst kommt gleich.

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